- https://doi.org/10.1515/9783111170084-001
Einleitung
- Dec 18, 2023
- Ludovico Foscarini
Ludovico Foscarini (1409-1480) war mit Abstand einer der aktivsten Diplomaten, Amtsträger und Juristen der Republik Venedig im 15. Jahrhundert 1 und wird von der Forschung meistens als Humanist bezeichnet. 2 Dieses Urteil stützt sich vor allem auf die von ihm zusammengestellte Briefsammlung, mit der er einen weiteren Superlativ für sich verbuchen kann: es handelt sich um die umfangreichste kommunikatorische Hinterlassenschaft eines adeligen Amtsträgers aus Venedig für die Jahre von 1454 bis 1467. Bisherige Studien sahen den Humanismus in Venedig an Idealen und Normen des Staatswohls orientiert. 3 Die These der vorliegenden Arbeit ist, dass es in Foscarinis Briefsammlung weniger um Ideale und Normen, sondern um ein pragmatisches Ziel ging, nämlich seinen männlichen Nachkommen die "Kodifizierung eines Handlungswissens" (Claudia Märtl) 4 für soziales und kulturelles Verhalten mit besonderer Berücksichtigung der politischen Kultur zu bieten. Zu diesem Zweck wählte Foscarini aus seiner Korrespondenz bestimmte Briefe aus und ordnete sie in einem didaktischen Schema an, das kommenden Generationen seines Hauses zu situativer Anpassungsfähigkeit verhelfen sollte. Darunter wird hier die Fähigkeit verstanden, sich unterschiedlichen, aber wiederkehrenden und vorhersehbaren Situationen in Regierung, Justiz und Diplomatie anzupassen. Die Nachkommen sollten durch erfolgreiches politisches Handeln den Ruf der Kompetenz und Exzellenz erwerben, von ihren Peers in hohe Positionen gewählt werden und noch mehr Ansehen gewinnen. Foscarini folgte sicherlich auch Normen und Idealen, in seinen situativ angepassten Briefen lassen sie sich aber nur schwer als persönliche Überzeugungen nachweisen. Foscarinis Epistolar ist von herausragendem Interesse, weil es sich für die Laufzeit (1449-1467), besonders nach dem Tod von Foscarinis politischem Mentor Francesco Barbaro 1454 und damit dem Abbrechen von dessen Briefen, um die einzige vom Verfasser selbst zusammengestellte Sammlung handelt, die Reaktionen auf Lebenssachverhalte aus dem Alltag eines führenden adeligen Politikers Venedigs überliefert. In dieser Zeit konsolidierte die Republik Venedig mit dem Frieden von Lodi 1454 ihre Besitzungen im Westen, überwand bei der Absetzung des Dogen Francesco Foscari 1457 eine für venezianische Verhältnisse heftige in-