Szillat, Antje (2010). Alice im Netz. Das Netz vergisst nie! Herausgegeben von lehrer-online und Caritas. Neureichenau: Edition Zweihorn. 155 S., 6,95 €. Lehmann, Daniela/Szillat, Antje (Hrsg.). Unterrichtsmaterialien für die 7.-10. Klasse zum Buch Alice im Netz. Das Netz vergisst nie! Neureichenau: Edition Zweihorn. Szillat, Antje (2010). Rache @. Herausgegeben von lehrer-online. Neureichenau: Edition Zweihorn. 136 S., 6,95 €. Szillat, Antje (Hrsg.) Unterrichtsmaterialien für die 6.-10. Klasse zum Buch Rache @. Neureichenau: Edition Zweihorn. Eine Warnung muss ausgesprochen werden und das eindringlich: Finger weg von diesen Medien! Am besten einen großen Bogen machen um Computer und Co. Denn wer sich einmal mit ihnen einlässt, der ist schon fast verloren. Das zumindest ist der Eindruck, der diffus stehenbleibt, wenn man die letzte Seite umgeblättert hat und die Bücher Rache @ oder Alice im Netz von Antje Szillat zuklappt. Dabei hat alles so viel versprechend angefangen! Eine Buchreihe erschien, in der Edition Zweihorn, herausgegeben von lehrer-online. Da freut man sich, denn lehrer-online macht viele gute Angebote zur Förderung der Medienkompetenz und die Buchreihe – für die diese beiden Bücher natürlich nur als Beispiel stehen können – beschäftigt sich mit Medien und den Problemen, in die man geraten kann, wie Cybermobbing, Stalking, das ganze Programm. Man bestellt also zwei Bücher, das begleitende Lehrermaterial gleich dazu und fängt voller Interesse an zu lesen. Rache @ ist zuerst dran. Man lernt Ben kennen, einen etwas unsicheren, ein bisschen zu naiv gezeichneten Jungen mit schwankendem Selbstwertgefühl und intakter aber nicht allzu herzlicher Familie. Der wird von Mitschülern sowie dem Mathelehrer nicht akzeptiert bzw. gemobbt, sucht daraufhin Hilfe bei Marcel, gleichaltrig, aus kaputtem Elternhaus, depressiv, kaltherzig und durchtrieben, der sofort eine Verleumdungskampagne vom Feinsten startet, den Lehrer innerhalb kürzester Zeit als angeblich Pädophilen diffamiert, die Klassenkameraden brutal verprügelt und zu guter Letzt mit einer scharfen Waffe hantiert – bis die Polizei eingreift und ihn in eine Therapie-Einrichtung verfrachtet, wo er „wohl ‘ne Weile bleiben“ muss. Ende gut, alles gut?! Plötzlich sind die Klassenkameraden und der Lehrer Bens beste Freunde und das Internet – darüber redet lieber niemand mehr. So viel Schwarz-Weiß-Denken auf 136 groß bedruckten Seiten liegt schwer im Magen und die Klischee-Kasse klingelt auch auf jeder Seite – ganz abgesehen davon, dass das Buch als glatte Themaverfehlung durchgehen würde, weil Marcel ein ganz ‚normaler‘ Bully ist, der seine Prügelattacken lediglich um ein YouTube-Video anreichert. Die eigentlichen Spezifika von Cybermobbing, die Art des Mobbing, die Verbreitung, die Anonymität, werden völlig außen vor gelassen. Also kurz durchatmen und weiter zu Alice im Netz. Hier dreht sich – natürlich – alles um Alice. Das weibliche Pendant zu Ben ist nur nach Farben, bitte! Unterrichtsmaterial, das so schön sein könnte, wäre es nicht so schwarz-weiß außen selbstsicher, ein bisschen naiv gezeichnet, mit intakter aber nicht allzu herzlicher Familie ...Ihr wird das Lebens schwer gemacht von (einem vermeintlichen und) einem verrückten Stalker, nahezu gleichaltrig, aus kaputtem Elternhaus, Ein-Euro-Jobber, depressiv, kaltherzig und durchtrieben, der sich aus dem Internet Name, Adresse und Vorlieben seines Opfers sucht, seine Wohnung mit Unterwäsche-Fotos von ihr tapeziert (die er durch ihr ebenerdiges Schlafzimmerfenster schießt), sie auf Schritt und Tritt verfolgt und zu guter Letzt Anstalten macht, sie zu vergewaltigen – bis die Polizei eingreift und ihn von der Bildfläche verschwinden lässt. Und das Internet? Dort werden sofort und restlos alle Spuren von Alice „ausgelöscht“ und sie nimmt sich fest vor, nie mehr so „digital naiv“ zu sein. Nach dieser erschütternden Lektüre ist das Unterrichtsmaterial nur die logische Fortsetzung des offensichtlich dramatisch zweifarbig (nämlich schwarz und weiß) gehaltenen Weltbildes von Frau Szillat: Die Schülerinnen und Schüler sollen Textarbeit machen, auf eng gestellte Fragen die richtigen Textstellen heraussuchen und abschreiben – ein Transferversuch oder gar eine Diskussion der Datenschutzproblematik im Internet oder von Cybermobbing werden nicht angeregt. Dieses Paket ist deshalb gleich auf mehreren Ebenen enttäuschend: Es behandelt kaum bis gar nicht die angegebenen Themen – in beiden Büchern wird im Grunde der Werdegang eines psychisch schwer kranken Menschen gezeichnet. Dass der sich irgendwann im Krankheitsverlauf auch mal an einen PC setzt, hat mit seinem eigentlichen Problem nichts zu tun. An keiner Stelle werden die Schwierigkeiten thematisiert, die tatsächlich medienspezifisch sind – und noch weniger werden auf Probleme konstruktive Lösungsvorschläge gemacht. Nirgendwo findet sich ein Ansatz, wie mit Medien denn ‚besser‘ umzugehen wäre, obwohl ‚Medien‘ als zentrales Thema der Bücher angekündigt werden. Inhaltlich spielen sie aber nur die Rolle des Sündenbocks, weiter nichts. Die Probleme in beiden Büchern lösen sich durch zwei einfache Strategien: 1. Polizeieinsatz. 2. Medienabstinenz. Das ist so plakativ und drastisch wie unrealistisch – ganz ‚alltägliche‘ Arten von (Cyber-)Mobbing etwa werden völlig ausgeklammert, von den Wegen, Prävention zu betreiben oder ihnen zu begegnen, ganz zu schweigen. Antje Szillat zeichnet so ein angsteinflößendes, ohnmacht-suggerierendes und eindimensionales Weltbild, mit den ‚Guten‘ (Opfern), den ‚Bösen‘ (Tätern, allerdings ohne jedes Identifikationspotenzial, denn diese ‚Täter‘ sind ja durch ihre Familie, Herkunft, kaputte Kindheit ohnehin prädeterminiert) und ‚Medien‘ (von denen man tunlichst die Finger lassen sollte). Sie vergibt sich so die Chance, Jugendliche zum Nachdenken und reflektierten Nutzen anzuregen und polarisiert stattdessen, ohne sich auf eine ernsthafte Auseinandersetzung einzulassen. Die letzten Seiten der Bücher und Begleithefte stimmen dann doch wieder etwas versöhnlicher, da die Materialien sich am Ende nach außen öffnen und jeweils etwa gut ausgewählte Linklisten und Adressverweise, teilweise auch Zusatzaufgaben mit Materiallisten und Diskussionsanregungen in den Lehrerheften zur Verfügung stellen. Dies zumindest sind teilweise auch Materialien mit einem umfassenden, dialektischen und konstruktiven Ansatz, die helfen können, sich mit Medien sinnvoll, reflektiert und kompetent auseinanderzusetzen. Elisabeth Jäcklein-Kreis ist Redakteurin bei merz | medien + erziehung.
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