Erst Hitzewellen mit neuen Rekordtemperaturen und lang anhaltende Dürreperioden, dann lokale Starkregenereignisse und Hochwasser: Der Klimawandel verschärft die Wetterextreme und hinterlässt immer häufiger katastrophale Spuren. Überschwemmungen in China und Indien, beispiellose Hitzewellen und verheerende Waldbrände in Kanada, den USA sowie am Mittelmeer sind nur einige Beispiele allein aus diesem Jahr. Um zu verstehen, was es mit dem Klimawandel auf sich hat, musste man diesen Sommer aber nicht auf ferne Inseln verreisen, die langsam im Pazifik versinken. Zwischen dem 12. und 19. Juli 2021 verursachte das Tief Bernd in mehreren Regionen Deutschlands schwere Niederschläge. Der extreme Starkregen löste in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verheerende Überschwemmungen aus. Die katastrophale Flut hatte u. a. im Ahrtal bis dahin unvorstellbare Zerstörungen von Gemeinden und Infrastruktur zur Folge. Mehr als 190 Menschen verloren allein im hochtechnologisierten Deutschland ihr Leben. Viele Bürger stehen vor den Trümmern ihres Lebenswerks. Bund und Länder wollen einen Hilfsfonds für die Flutopfer im Umfang von 30 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, was die volkswirtschaftliche Dimension der Schäden verdeutlicht. Dieses Ereignis, nicht direkt verursacht, aber befördert durch die Klimakrise, hat sich in einem Moment ereignet, in dem die Sorge um den Klimawandel und die verstärkten Bemühungen um den Klimaschutz in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen warnt in seinem jüngsten Bericht eindringlich vor einem bestehenden Kontrollverlust bei der Erderwärmung. Nach dem Anfang August 2021 vorgelegten Bericht, für den mehr als 230 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 14.000 aktuelle Klimastudien für das UN-Gremium ‘Intergovernmental Panel on Climate Change' ausgewertet haben, wird das angestrebte Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius über dem Niveau der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, selbst bei den striktesten Klimaschutzmaßnahmen schon in den nächsten 20 Jahren überschritten werden. Die Erwärmung der Erdatmosphäre schreitet damit viel schneller voran als bislang angenommen. Der Anstieg der Meeresspiegel und klimatische Veränderungen seien bereits jetzt unumkehrbar und würden noch hunderte Jahre andauern. Was bisher als Jahrhundertflut galt, könnte somit in etwa 80 Jahren schon jährlich vorkommen. In den Tagen nach der Flutkatastrophe waren Katastrophenschützer, Meteorologen und Raumplaner gefragte Interviewpartner; eine Fachdisziplin meldete sich hingegen kaum zu Wort: die Geotechnik. Dabei kommt der Geotechnik in Zeiten des Klimawandels eine zentrale Rolle bei der Gewährleistung der Sicherheit für Menschen, Städte und Umwelt zu. Hierbei geht es nicht nur um Küsten- und Uferschutz, den Hochwasserschutz, den Dammbau und den Schutz vor Massenströmen wie Schlammlawinen und Muren, sondern auch um die Erhöhung der Resilienz baulicher Strukturen gegen Auswirkungen von Extremwetterereignissen. Einen entscheidenden Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen und damit zur Minderung des Klimawandels leistet die Geotechnik bereits im Bereich der regenerativen Energien, wie z. B. der On- und Offshore-Windenergie oder der Geothermie. Durch die thermische Aktivierung von erdberührten Bauteilen zur Temperierung von Bauwerken im Sinne des Heizens und Kühlens kann gerade in den durch die Klimakrise besonders betroffenen urbanen Räumen ein Beitrag zu klimaneutralen Stadtquartieren geleistet werden. Tatsächlich werden aber auch im klassischen Erd- und Grundbau sowie im Spezialtiefbau gewaltige Anstrengungen erforderlich, um durch die Wahl von weniger energieintensiven Baustoffen, Bauverfahren und Baumaschinen die heute anfallenden gewaltigen Emissionen nachhaltig zu reduzieren. Dabei gilt es, zunächst objektive Bewertungskriterien für den ‘Carbon Footprint' verschiedener Bauverfahren und Konzepte zu erarbeiten und zu etablieren, da diese CO2-Bilanzierung zukünftig eine zunehmend wichtige Rolle von den bautechnischen Empfehlungen im Geotechnischen Bericht bis hin zu der Bewertung von Konzepten und Angeboten spielen und damit eine wettbewerbsentscheidende Bedeutung für die Bauindustrie gewinnen wird. Es braucht aber zugleich auch Innovationen bezüglich der Entwicklung neuer Werkstoffe aus natürlichen Rohstoffen, wie z.B. wasserlöslicher Polymere als umweltfreundlicher Ersatz von Zement zur Modifikation der mechanischen und hydraulischen Eigenschaften von Böden, und der Erforschung des entsprechenden Materialverhaltens, aber auch bezüglich alternativer Produktionsverfahren. Ressourcenschonendes Bauen durch die Wiederverwertung von Aushubmassen und den Einsatz von Recycling-Baustoffen, ein durch zunehmende Digitalisierung unterstütztes Stoffstrom-Management und eine Minimierung des Materialeinsatzes sind weitere wichtige Ansätze. Dabei gilt es, ganzheitlich zu denken und zu bilanzieren und in diesem Sinne tradierte Ansätze und Konzepte immer wieder neu in Frage zu stellen: so kann es beispielsweise nicht nur ökonomisch, sondern auch im Hinblick auf die Klimabilanz ökologisch deutlich nachhaltiger sein, eine wenige Meter in das Grundwasser einbindende Baugrube nicht – wie oft unter wasserrechtlichem Blickwinkel gefordert – als wasserdruckhaltende Trogbaugrube mit Schlitzwänden und Düsenstrahlsohle, sondern in Kombination mit einer temporären Grundwasserabsenkung zu realisieren. Die Geotechnik steht somit im Zeichen des Klimawandels gleichermaßen vor riesigen Herausforderungen wie tiefgreifenden Veränderungen. Dies sollten wir indes auch als eine Chance begreifen. Wenn wir die Transformation mit gebündeltem technischen Sachverstand und Innovationsfreude beschleunigen und nachhaltig implementieren, werden nicht nur klimafreundliche, sondern auch profitable Lösungen entstehen. So wird Klimaschutz in der Geotechnik nicht nur eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern, wenn es uns gelingt, diesbezüglich im internationalen Kontext eine technologisch führende Rolle einzunehmen, zum Treiber von Wettbewerbsvorteilen und wirtschaftlichem Erfolg. Innovation und Forschung für eine in allen Facetten nachhaltigere Geotechnik sind daher von enormer Bedeutung. Nie war es wichtiger als jetzt, gemeinsam zu handeln. Dies ist auch eine zentrale Aufgabe, ja eine gesellschaftliche Verpflichtung für die Deutsche Gesellschaft für Geotechnik, die wie kaum ein anderer technisch-wissenschaftlicher Fachverband in Deutschland Forschungsinstitutionen, Bauindustrie, Consulting und Behörden vereint und damit die besten Voraussetzungen dafür mitbringt, dass Innovationen schnell ihren Weg von der Wissenschaft in die Ingenieurpraxis finden. Und Schnelligkeit und Effektivität sind im Zeichen des rasanten Klimawandels zwingend. Die Geotechnik kann einen maßgebenden Beitrag leisten, die Auswirkungen des Klimawandels zu beherrschen und eine klimaneutrale Welt zu realisieren. Lassen Sie uns alle hieran engagiert mitwirken. Prof. Dr. Christian Moormann, Leiter der Fachsektion Erd- und Grundbau
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