Unmittelbar nach dem 24. Februar 2022, dem Tag des Überfalls der Russischen Föderation auf die Ukraine, war das Wort vom Westen wieder in aller Munde: als Synonym für Liberalität, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, aber auch militärische Potenz und geopolitischen Machtanspruch. Bemerkenswert war und ist dies insofern, als die Rede vom Westen vor jenem historischen Tag zumindest unter kritischen Intellektuellen ausschließlich im Modus der postkolonialen, identitätspolitischen, rassismuskritischen usw. Infragestellung statthaft erschien -oder aber unter dezidierter Betonung des Krisenhaften: Der Niedergang des Westens wurde seit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps in der internationalen Publizistik schließlich so konsequent beschworen, dass man fast den Eindruck gewinnen konnte, die Leitartikel in den großen Zeitungen verstärkten unwillkürlich genau das, was sie eigentlich nur beschreiben und bezeichnen wollten. Davon, dass sich die gestern noch hitzig geführten Debatten von einem auf den anderen Tag als nichtig erwiesen hätten, ist aber nicht auszugehen, zumal sie Kritikpunkte aufgreifen, die seit jeher, wenn auch in wechselndem begrifflichem Gewand und mit divergierendem politischen Akzent, gegen den Westen vorgebracht worden sind. Angesichts der gegenwärtigen Situation, der gewaltsamen Umgestaltung der politischen Weltordnung durch eine imperiale, autokratische und zu allem Übel mit Atomwaffen ausgerüstete Großmacht, die ausdrücklich die westliche Moderne und die offene Gesellschaft zu ihrem Feind erklärt hat -angesichts dieser Lage scheint den Bewohnerinnen und Bewohnern der liberalen Demokratien vielmehr bewusst zu werden, dass allein diese die Bedingungen gewährleisten, die ihre kritische Infragestellung allererst ermöglicht. Das neu aufkommende diskursive Spannungsverhältnis zwischen Westen und Osten auszuloten, das Zusammenwirken von Abwehr und Annäherung in unterschiedlichen historischen Konstellationen seit 1945 zu vermessen -darin bestand die Aufgabe einer kleinen Tagung an der Universität Münster im Dezember 2022. Für diese Ausgabe von andererseits wurden einige der Beiträge ausgewählt und zu einem Schwerpunkt zusammengestellt. So geht zunächst Anna Artwińska (Leipzig) auf die Sonderrolle der Staaten Polen, Ungarn und der Ukraine vor und nach dem 1 Vgl. https://rethinkingthewest.de.
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